Wie Focusing unseren Alltag verschönert – die “Focusing Attitude”


Einige Gedanken über Brücken zwischen der Focusing Praxis und dem Tango-Tanz

Frühjahr 2023:

Wenn ich Tango tanze, bin ich meist die Folgende. Meine Aufgabe besteht darin, mit meinem ganzen Körper auf das zu hören, was den Führenden inspiriert, was er durch seinen Körper vorschlägt, und dann fast augenblicklich mitzumachen. Es gibt in der Rolle der Folgenden auch eine gewisse Freiheit, in passenden Momenten das Tempo zu beeinflussen, sich spielerisch der Führung zu widersetzen oder etwas hinzuzufügen.

An manchen Tagen bin ich eine bessere Körper-Spürerin und -Folgerin als an anderen. An Tagen, an denen ich ‘gut zuhören’ kann, fühlt es sich magisch an. Alles geschieht synchron und viel schneller, als ich es jemals bewusst tun, denken und kognitiv begreifen könnte. An Tagen, an denen mein Körper irgendwie seine eigene Steifheit hat und nicht sofort erkennt, was geschieht, gibt es viele Momente subtiler Reibung/Friktion. Manchmal ist es so subtil, dieses nicht ganz synchron sein, dass ich es nur bemerken kann, wenn ich das Gesamtgefühl mit anderen Tagen vergleiche. Aber es gibt auch offensichtliche Missverständnisse. Ich folge auf eine bestimmte Weise, und einen Sekundenbruchteil später weiß ich, dass die führende Person, mich zu etwas anderem auffordern wollte.

Es ist interessant zu beobachten, dass, wenn ich den Führenden beim Tangotanzen missverstehe, sich oft ein Gefühl des Versagens einstellt, ein „Oh nein, ich habe es wieder falsch gemacht.“ Mit dieser inneren Atmosphäre versteift sich etwas in mir, mein Atem stockt und das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Missverständnisse auftreten.

Beim Focusing hingegen finde ich – sowohl als Zuhörerin als auch als Focuser – diese Momente interessant, in denen der/die Zuhörer:in meine Worte, wie ich sie gemeint habe, nicht genau widerspiegelt. Mit anderen Worten: Wenn mein:e Zuhörer:in im Focusing-Kontext etwas Anderes hört, als ich gemeint habe, macht mich das neugierig. Wenn diese Haltung in mir präsent ist, macht die Dissonanz den Prozess irgendwie noch reicher. Sie macht es möglich, dass sich neue, unerwartete Türen öffnen und etwas Unbekanntes zum Vorschein kommt.

Als mir dies bewusst wurde, dachte ich plötzlich: “Wie kann ich die gleiche innere Haltung, die ich beim Focusing entwickelt habe, auf den Tango-Tanz übertragen? Wie wäre es, wenn ich in solchen Momenten des Missverstehens in ungeteilter Neugier und Leichtigkeit verweilen könnte, die neuen Variationen genießend, welche manchmal aus solchen Momenten entstehen?” Wenn die/der Führende:r in der Lage ist, aus meiner unerwarteten Reaktion spontan etwas Neues entstehen zu lassen, empfinde ich großen Respekt, da alles in einem Bruchteil einer Sekunde passiert. Ich bin dankbar, wenn die führende Person mich daran erinnert, dass ich mich nicht jedes Mal entschuldigen muss.

Ich freue mich darauf, diese innere Haltung in den kommenden Wochen und Jahren weiter zu erforschen. (-:

Frühjahr 2024

Es kam zu einer weiteren Wahrnehmungsverschiebung.
Beim Tanzen variiert nicht nur die Synchronizität, von Tag zu Tag, wie oben beschrieben, sondern es scheint auch so, dass manche Körper einander verstehen, und bei anderen Körpern kann mein Körper die Einladung nicht lesen, selbst dann nicht, wenn mein:e Partner:in gut führt. Das kann sehr frustrierend und schmerzhaft sein.

Eines Tages, inmitten dieser Frustration, sagte ich zu mir selbst: „Wenn du dich in einer solchen Situation befindest, Amona, lass den Versuch los, die Aufforderung der/des Führenden zu verstehen. Konzentriere dich stattdessen auf die Frage: Was möchte mein Körper jetzt tun, wie möchte mein Körper antworten?“
Dies ist eine subtile, aber radikale Verschiebung der inneren Aufmerksamkeit, und es hat sich gezeigt, dass sie ein besseres Zusammenspiel, eine interessantere und intimere Begegnung mit der anderen Person ermöglicht. Es ist, als ob ich dem/der Anderen viel besser zuhören kann, wenn ich meine Aufmerksamkeit bewusst auf meine eigene innere, spontane Reaktion richte.

Wenn ich Focusing unterrichte, sage ich meinen Schülern, dass sie nicht alles verstehen müssen, was der Focuser sagt, und dass sie sich auch nicht alles merken müssen. Dieses Bemühen, der perfekte Zuhörer zu sein, kann sehr stressig sein und beeinträchtigt interessanterweise unsere Fähigkeit, aufmerksam (und entspannt!) zuzuhören. Stattdessen lade ich meine Schüler ein, die Resonanz in ihrem eigenen Körper auf das, was der Focuser ausdrückt, zu spüren und sich von dieser inneren Resonanz leiten zu lassen, um „intuitiv“ die Bedeutung hinter den Worten zu erfassen. Durch diese Art des Zuhörens kann der/die Zuhörer:in die Essenz dessen, was der Focuser ausgedrückt hat, treffender wiedergeben. Das Focusing wird dann zu einem gemeinsamen, unerwartbaren und fruchtbaren Tanz.

Ich war also positiv überrascht, dass ich auf der Tanzfläche, ähnlich wie beim Focusing, als Folgende auf meinen eigenen Körper hören kann, auf das, was mein Körper in diesem intimen Kontakt antworten will, anstatt mich darauf zu konzentrieren, was der/die Führende von mir erwartet.

Es gäbe noch so viel mehr zu sagen. Meine Reise, die “Focusing Attitude” (die innere Haltung des Focusing) in allen Aspekten meines Lebens zu finden, geht weiter …

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Focusing (Eugene Gendlin)
ist eine Partnerübung, bei der eine Person der/die Zuhörer:in ist und die andere Person der Focuser, welche:r mehr über ein persönliches Thema erfahren möchte. Der Focuser lauscht nach innen und drückt aus, was er/sie rund um das eigene Thema fühlt, sieht und hört. Der/die Zuhörer:in folgt dem Focuser und spiegelt wider, was ausgedrückt wird. Dadurch wird der Focuser in seinem sanften Prozess unterstützt, es ist wie ein gemeinsamer, intimer Tanz, aus dem Neues, Frisches und Unerwartetes entsteht.

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